Irmanipulations   IRMAnipulations, d.i. Irma Hünerfauth (1907 Donaueschingen - Kreuth 1998)   English Version
 

Leben und Werk

   
 


Textbeiträge von Irma Hünerfauth, 1990

Stolzer Papa
 
Stolzer Papa mit Taufling
 
 
Platz in einer Zigarrenkiste
Silvester 1907 in Donaueschingen geboren. 4112 Pfund schwer. Mama sagte nach meiner Geburt: »Ist das alles?« Es ist mir nie klar geworden, ob sie bei dieser Bemerkung mein minderes Gewicht meinte oder weil ich nur ein Mädchen war; oder weil sie mit mir leichte Geburtswehen hatte. Vater war unendlich glücklich, Vater zu sein, er sagte es auch jedem, dem er begegnete: »Ich habe ein wunderbares Mädchen, es geht in eine Zigarrenkiste, wiegt 4112 Pfund, hat eine makellose Haut, sie wird leben bleiben!« Mama behauptete, er sei zwei Monate beschwipst gewesen, was ich nicht für sicher halte. Mama hatte so eine Art, ihn zurechtzurücken.

Das »verwechselte« Kind
1908 kam ein großes Unglück über unsere kleine Stadt, und dabei legte sich ein schwerer Schatten über meine Kindheit. Ein Großbrand breitet sich aus: Tausend Häuser brannten nieder. Alle Kleinkinder wurden nach Villingen evakuiert, ich auch. Dieses Ereignis nützte meine Mutter bei meiner Erziehung aus, indem sie bei jeder Unart von mir sagte: »Du bist bei dem Brand verwechselt worden, du bist nicht unser liebes Kind.« Mit dieser Bemerkung zügelte sie mich, ich buhlte um ihre Gunst. Mama war sanft und schlau, zu mir war sie eine gute Freundin, keine Mutter. Ich war sehr stolz auf meinen Vater; ich durfte an seiner Hand gehen und Mohrenkopf essen oder aus einem Automat Kugeln und Männlein rausziehen. Oft gingen Papa und Mama mit uns in die fürstliche Molkerei, ich durfte Huckepack sitzen, was damals nicht üblich war. Im Milchhof tranken wir aus weißen Bechern kuhwarme Milch, und ich beobachtete Kühe und Kälbchen, immer war Papa dabei.

 
Mein Bruder und ich
Mein Bruder und ich
 
Die Pfauenfeder im Popo
Im Alter erzählte mir Mutter manches aus meiner früheren Kindheit. Zum Beispiel: Fürstin zu Fürstenberg blieb am Kinderwagen stehen und sagte: »Was wird aus diesem Kind wohl werden?« Hoheit beugte sich über mich. »Ach, das Kind spricht schon! Was hat es gesagt? Ich hab' es nicht verstanden. »Was habe ich gesagt?« »Aff hast du gesagt, du mußt es irgendwo aufgeschnappt haben.« So Mama. Nach drei Jahren bekam ich meinen Bruder: Das veränderte vieles in meinem kleinen Leben. Alle kümmerten sich um ihn. Ich fand ihn häßlich mit seiner weißen, weichen Haut und dem Gequietsche. Und der Zipfel, was soll das? Ich ärgerte mich, wenn die Amme kam und er an ihrem Busen schnulzte. Einmal bekam ich Schläge wegen dieser Frau und mußte ins Kinderzimmer; weil ich rief: >> Es kommt die Milchkuh.« Es war ungerecht! Ich hatte sicher meine Beobachtungen mit der Fürstlichen Molkerei komponiert. Ich war unleidlich, wie Mama sich erinnerte: Ich stieß Oma an den glühenden Badeofen, schlug meinem Bruder mit dem Hammer auf den Kopf. Kaum konnte er stehen, plump wie er war; stach ich ihn mit einer Stecknadel in den Hintern, wobei er nur leicht quietschte. Wie er ungefähr zwei Jahre alt war; steckte ich ihm eine Pfauenfeder in das Hinterteil und begoß den Zipfel mit einem Blumengießkännchen mit Wasser: Er bekam davon am Popo ein Furunkel -ich meine Prügel.
 
Große Dame, kleine Dame
Große Dame, kleine Dame
 
Tante Clärchen und das Auto
Vater wollte in die Großstadt, ihn zog es nach München. Mama ging ungern von Donaueschingen, zumal ihre Schwester, Tante Clärchen, in dem nahen Örtchen Villingen lebte. Sie war mit dem Apotheker Wagner, einem Engländer, verheiratet. Es war 1902. Er hatte einen Peugeot, nur der Fürst hatte noch ein Auto. Damals konnte man nur auf sehr schlechten Landstraßen fahren, Tempo 30 km/h. Die Mitfahrer, es war ein offenes Auto, wurden nicht selten durch die tiefen Unebenheiten der Straße in die Büsche geschleudert. Oft bäumten sich die Zugpferde auf und wollten durchgehen, aber die Bauern grüßten ehrerbietig und hielten sie fest, weil sie glaubten, es sei der Fürst! »Saudumme Bauern«, schimpfte der Onkel. Eines Tages vergiftete sich der Onkel mit Schlangengift. Er fiel auf der Stelle tot um. Er hatte über seine Verhältnisse gelebt.
 
Mama mit Onkel Wagner im Peugeot
Mama mit Onkel Wagner im Peugeot
 
»Fürstliche« Schlittenfahrt
Bei nächtlichen Schlittenfahrten nahm mich Papa mit. Es ging in den Schwarzwald. Ich saß zwischen den Eltern. Nur mein Kopf schaute unter der gespannten Lederdecke heraus, weil ich so klein war. Ich hatte keine Angst, Papa war bei mir. Der Kutscher saß hoch auf dem Bock und ich konnte deswegen während der Fahrt die Pferde kaum sehen. Papa erklärte mir, daß ein Pferd faul ist und nur so mitläuft und das andere Pferd den Schlitten zieht. Der helle Mond, die dunklen Tannen, der weiße Schnee, das Wiehern der Pferde, ich erinnere mich noch ganz gut. Manchmal kam ein ganz dunkler Schatten an unseren Schlitten zu den Pferden vor. Das sind Füchse, sagte der Vater. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. Auf mich machte so eine Nachtfahrt einen enormen Eindruck.

Papa und Mama
ln Donaueschingen kümmerte sich meine Mutter gar nicht um meinen kleinen Bruder, das besorgten meine Oma und die Amme. Mama saß auf einem erhöhten Podest mit ihrem Stuhl im Erker und stickte. Sie hatte einen Stickrahmen und dazwischen den Stoff. Eine glänzend schlüpfrige Seide war eingefädelt, damit stickte sie kleine Blümchen. Manchmal bohrte sie mit einem Elfenbeinstift in den Stoff ein Loch und umstach dann das Loch, so daß es größer aussah. Sie hatte zarte kleine Hände, die mit Ringen geziert waren, lange Fingernägel an der blassen Hand, besonders am kleinen Finger. »Warum so lange Nägel?« fragte ich. »Damit ich dich besser kratzen kann!« Mama war mir oft nicht geheuer. Von dem Erkerfenster aus sahen wir auf einen großen Platz. Viele Leute waren unterwegs. Mama grüßte fast nie. Sie machte ein abwesendes Gesicht. Ihre blasse Haut und ihr rotes Haar leuchteten. Die Menschen kannten uns, denn sie sahen zu uns hinauf. Wenn Papa kam, blühte Mama auf. Ihr Gesicht rötete sich leicht, sie lachte hellauf, sie stupste mich weg. Ich wurde in Gewahrsam von Omi genommen. Papa küßte sie! Sie küßte Papa! Mich und Bubi küßte sie nie, nur wenn wir krank waren, dann war sie sehr zärtlich mit uns. Aber kranksteilen nützte nichts. Sie hatte sehr durchdringende blaue Augen und eine gebogene Nase wie ein Vogel! Papa liebte mich sehr, er küßte sehr naß, ich fühlte mich sehr wichtig, wenn er dies tat. Jedesmal, wenn er mit mir spazieren ging, ich mit Matrosenkleidchen, er fesch mit Goggs, führte er mich auf der rechten Seite, dabei ließ er stets den kleinen Finger abstehen, an dem ein Brilliantring blitzte. Ich fühlte schon als kleine Kröte, daß er ein stolzes Manöver mit mir machte und daß wir beide bei den Leuten, denen wir begegneten, eine Schau aufzogen. Ich ging ruhig und mit gleichgültigem Gesicht mit Papa, als wären wir allein auf der Straße. Vergessen war, daß ich mich selbst nicht mochte, meinen Rundkopf und meine Steckelbeine und meinen Mund, der, wie Mama sagte, mir bis hinter die Ohren ging! Ich war so glücklich, so geborgen. Dieses geborgene Gefühl hatte ich erst viel später wieder, bei meinem dritten Mann Dr. Franz Führer-Wolkenstein erlebt ...

 
Mit Papa um 1910
Mit Papa um 1910
 
Der Vater am Kronleuchter
Noch etwas über meinen Vater. 1958. Dr. Franz Roh, der damalige Kunstpapst in München, stellte mich Dr. Altgraf Salm vor, einem Vetter von Fürst zu Fürstenberg. »Sind Sie die Tochter vom Direktor Hünerfauth, man erzählt sich heute noch über ihn, was er in der Kleinstadt angestellt hat. Bei einem Hofball hatte sich der würdige Kammerpräsident Zopf verspätet, er sollte mit der Fürstin die Polonnaise anführen. Unruhig warteten alle, da sagte Ihr Vater: Hohheit haben Ihren »Zopf« verloren und führte die Polonnaise mit der strahlenden Fürstin an.« Bei einem anderen Fest im Schloß hing zu später Stunde Wilhelm Hünerfauth am Kronleuchter und schwebte durch den Saal! Ein andermal klagten die Klosterschwestern beim Fürsten, daß zur frühen Stunde Herr Direktor auf Sektflaschen kegelte. Hierauf der Fürst: »Üh, welch harmloses Vergnügen!« Welche Lebenslust hatte Papa, und wie tüchtig, denke ich, muß er gewesen sein, daß man solche Ereignisse durchgehen ließ.
 
Der Kaiser, der Fürst und der Papa
Der Kaiser, der Fürst und der Papa
 

Der Kaiser, der König und die »Schweinewitze«
1914, kurz vor Kriegsbeginn, zogen meine Eitern mit mir nach München. Anfangs wohnten wir in der Christlichen Pension in der Prannerstraße. Mein Bruder war vier Jahre und ich fast sieben Jahre alt. Wir durften jeden Morgen an den Odeonsplatz Tauben füttern gehn. Da war ein Kiosk, der Futter ver kaufte. Mein Bruder hatte einen Marineanzug mit Säbel und Mütze und ich ein Samtkleid mit seidener Bluse an. ln der Briennerstraße nahe dem Kaffee Luitpold sprach uns ein älterer Herr an und fragte, wie wir heißen. Mein Bruder machte sein Salut und ich einen tiefen Knicks, wie dressiert. Wir nannten klar und deutlich unseren Namen, wie w ir erzogen waren, und erzählten, woher wir kamen und verabschiedeten uns mit Knicks und Salut. Die Leute sagten zu uns, das war der König. - Daheim erzählten wir, daß der König mit uns gesprochen hat. »Was ist das schon«, sagte Papa. »Ich mußte oft mit dem deutschen Kaiser reden, wenn er beim Fürst zu Besuch war. Ich erzählte ihm Witze.« »Was für Witze?« fragte ich. »Herrenwitze«, sagte Papa. »Schweinewitze«, rief Mama aus dem Zimmer nebenan. Vater lachte. Wir begegneten mehrmals dem König, und ich gab ihm auch die Hand. Wir trafen ihn immer an der gleichen Stelle, er kam immer über die Straße zu uns beim Kaffee Luitpold in der Briennerstraße. Eines Tages fragte der König: »Was für Witze erzählt der Papa dem Kaiser?« »Schweinewitze«, sagte ich laut und deutlich, wobei ich an richtige Schweinchen dachte. Da lachte der König, daß ihm Bächlein aus den hellen Äuglein liefen. Wir erzählten die Begegnung zu Hause. Mama war so entsetzt, und wir mußten zu den Tauben einen anderen Weg einschlagen. Wir trafen den freundlichen König nie mehr: Sie werden wissen wollen, wie mein Vater mit dem deutschen Kaiser ins Gespräch kam: Vater machte dem Fürst folgenden Vorschlag. »Ich werde Ihr Fürstenbergbier im Speisewagen einführen. Dazu brauchen wir für die Gesellschaft die einträgliche Ehrenmedaille des Kaisers. Dann müssen wir nicht von Ihren Wäldern ver kaufen. Laden Sie Ihren Freund, den Kaiser, zur Jagd ein, das andre mache ich.« Die Begegnung ging gut aus, erzählte mein Papa. Der Kaiser war sehr leger. der Stab war affig, steif. Jedesmal, wenn der Kaiser nach Donaueschingen zur Jagd kam, fragte er nach meinem Vater: »Wo ist der freche Pfälzer?«

»Vorderhauskinder, Hinterhauskinder«
Ich wurde oft zum Spielen in den Hinterhof geschickt. Da gab es Vorderhauskinder, sie trugen feine Kleidchen, hatten Säckchen und Sandalen an, waren langweilig, weil sie sich nicht schmutzig machen durften. Wenn sie garzusehr hochnäsig schauten, nahm ich einen Anlauf und rannte sie um. Die Hinterhauskinder hatten Schürzehen an und durften barfuß laufen. Sie konnten schöne Kuchen aus Sandformen backen. Ich buk mit Schnecken und Raupen im Sand. Ich durfte mich schmutzig machen, mit den Zehen im nassen Sand quietschen. Manchmal brachte ich ein Hinterhofkind zu uns rauf und sagte: »Es hat ein schmutzig Schürzehen an, aber ein gut Herzchen.« So erzählte Mama. Ich danke ihr heute noch, daß sie mich so spielen ließ. Ich erinnere mich, als ich schon zehn Jahre alt war, wie ich Schnecken aus den Schneckenhäusern zog, dabei meine Finger an meinem Samtkleid abwischte und Therese, unsere Köchin, entsetzt war und schimpfte, das Kleid wäre kaputt. Mama sagte ruhig: »Lassen sie das Kind. Sie wollte nicht ungezogen sein.« Über diesen Zwischenfall denke ich in großer Dankbarkeit an die Güte meiner Mutter: Darum war ich auch in der Lage, wie meine Mutter im hohen Alter klagte über ihre Ungeschicklichkeit, wenn sie Flecken auf ihr Kleid machte, tröstend zu sagen: »Aber Mama, das kann jedem passieren« und machte sie dann sauber:

 
1914 in München, mein Bruder und ich
1914 in München, mein Bruder und ich
 

Das grobe Kind mit den gelben Händen
Ich besuchte in München zuerst fünf Jahre die Volksschule in der Herrnstraße. Da war eine Lehrerin, Fräulein Reichert, sehr auffällig. Sie gab einer Mitschülerin vor Beginn des Unterrichts scharfe Tatzen, weil sie sie doch während des Unterrichts verdiente. Das Mädchen schlief oft während des Unterrichts ein und hatte ganz gelbe Hände, es war ein grobes Kind. Ich fragte es, woher es die gelben Hände habe. Es erzählte, daß es jeden Morgen um 5 Uhr Büchsen mit Bodenwachs füllen muß, die dann der Vater verkauft. Ich gab keine Ruhe, bis Vater in die Schule ging und sich über mich erkundigte, und dann das mit den Tatzen bei der Schülerin regelte. Fräulein Reichert schmeichelte meinem Vater: Daß jene um 5 Uhr Büchsen einfüllen müßte, stritt sie ab. Aber sie gab dem Mädchen keine Tatzen mehr: Als ich schon ein großes Mädchen mit 16 Jahren war, begegnete ich Fräulein Reichert wieder: Ich fuhr auf dem Rad. Fräulein Reichert breitete die Arme aus und rief: »Hünerfauth!« »Gehen Sie weg, ich fahre Sie zusammen!« , rief ich und gab Tempo. Sie wich aus. Sie wußte, um was es ging.

Erste künstlerische Versuche
Mit neun Jahren ging ich in die dritte Klasse Volksschule, die Herrenschule in München. Ich lebte mit meinen Eltern und meinem Bruder in der Bürkleinstraße. Es kam mir zu Ohren, daß in der Frauenstraße eine Schule war, wo man zeichnen lernen konnte. Ich fand die Schule, klopfte bei dem Klassenzimmer an und fragte, ob ich mitmachen dürfe. Es muß ein Zeichenkurs für Erwachsene gewesen sein. Es waren hohe, breite Tische, jeder hatte einen Stuhl. (Wir saßen in der Schule in Bänken!) Ich durfte auch dabei sein. Ich bekam einen Stoß Bücher auf meinen Sitz, damit ich etwas höher saß. Ein Vasenfläschchen mit Zittergras stellte man mir hin. Tusche, Feder, Federhalter und Papier bekam ich. Es war 1917, eine Zeit der Armut. Es war ganz still in dem Schulzimmer. Ich schielte zu den Erwachsenen hin, die sehr genau Gras nach der Natur mit Tusche zeichneten. Ich ging regelmäßig hin. Die Arbeiten von allen wurden eingesammelt, später besprochen und Preise verteilt. Ich bekam auch einmal einen Preis. Er bestand aus Zeichenpapier, einem Fläschchen grünerTusche und einer echten kleinen Zeichentuschefeder mit einem Federhalter. Meinen Eltern sagte ich nichts von diesem Unterricht. Dieses Erlebnis war für mich ein tolles Geheimnis! In der höheren Schule, im Lyzeum-Küspert, kümmerten sich meine Zeichenlehrerin Maria Mack und der Geistliche Dr. Schwaiger (er hielt Messe in der Residenzkirche) sehr um mich. Er zeigte in der Dämmerung die farbigen Schatten auf den Straßen und führte mich zu den Kunstschönheiten in den Kirchen. Obwohl ich Protestant bin, versuchte Dr. Schwaiger, der Jesuit, mich nie zu bekehren. »Werde keine Malerin, dazu hast du nicht die Nerven!« Er wußte, was auf einen Künstler zukommt. Ich wollte kein Künstler werden, mein Leben ist so »hineingewachsen«.

Sonntags
Mein Bruder und ich lebten so dahin. Als Vater aus dem Krieg kam, war er uns fremd geworden. Mein Bruder machte sich nichts daraus, er sagte immer, »die spinnen«. Vater war immer reizend zur Mama, brachte jeden Morgen, bevor er ins Büro ging, der Mama auf einem Tablett das Frühstück. Uns versorgte die Therese, bevor wir in die Schule gingen. Mama trat erst tagsüber in Erscheinung. Sonntags war alles anders. Die Eltern standen später auf, und das Schlafzimmer war zugesperrt. Vom Hausgang aus konnte man durch ein kleines Fensterehen zu den Eltern hineinsehen. Einmal holten wir eine Leiter und guckten. Ich trampelte mit den Händen gegen das Fenster und rief, »laß sie in Ruh, wir kommen sonst!« Am nächsten Sonntag hing ein Vorhang über dem Fenster. Sonntags um II Uhr ging Vater mit uns Kindern in die Lukaskirche. Vater sang sehr laut und falsch, so daß die Christliche Gemeinde aus der Reihe kam. Wir bekamen viel Kleingeld, aber auch Knöpfe, wir hatten unseren Spaß beim Hineinwerfen in den Opferkasten. Dann ging Papa mit uns in den Hofgarten zu den Kanonen und Fahnen ins Armeemuseum. Wenn wir nicht in die Kirche gingen, durften wir ins große Kunstmuseum mit Vater gehn. Rubens sah Vater oft lange an. Ich fragte, warum er so lang dort stehen bleibt. »Sei still, das ist Kunst«, meinte er, und gab keine nähere Erklärung. Mir kam damals die Erkenntnis, daß er nur das Weib bewunderte und von Kunst nichts verstand. lch freute mich sehr, daß der allmächtige Papa von Kunst nichts verstand. Vielleicht bin ich deshalb ein Künstler geworden.

Wollpüppchen
Ich hatte schon als Schulmädchen kleine Wollfigürchen, die auf einem Schlitten ritten, gemacht. Der Schlitten bestand aus einem Hasenbrust knochen, den ich mit Wolle umwickelt hatte. Ich war 13 Jahre. Ein kleines Vorzeichen meiner heutigen Objekte. Ich bekam nie Taschengeld! Nicht einmal ein Hauchbildchen oder eine süße Schlange oder ein rotes Zuckerhäschen bekam ich. Es hieß stets: »Du hast ja alles.« Ja, ich hatte große teure Schokoladehasen und langweilige Puppen. Aber einen klitzekleinen grünen Eisenfrosch, nach dem mein Herz sich sehnte, bekam ich nicht. Da sagten die Eltern, »das ist ein Gelump«. in der Maximilianstraße war ein Hutladen, nur ein schmales Schaufenster, die kauften meine bunten Wollpüppchen. Ich konnte mir dadurch manchen Wunsch erfüllen. Unsere Köchin, die Therese, wußte, warum ich so gerne Hasenbraten aß!

 
Die Heilsarmee
Als junges Mädchen erlebte ich eine verrückte Situation mit meinem Vater. Es war an einem Samstagabend, meine Eitern, zwei befreundete Ehepaare und ich saßen zum Abendessen im Bambergerhof, ein Spaten-Lokal in der Kaufingerstraße. Das Lokal war voll besetzt, und es herrschte eine zufriedene Stimmung. Da kam die Heilsarmee herein, sie stellten sich unweit von unserem Tisch auf. Sie wollten gerade mit einer Demonstration beginnen. Mein Vater sprang auf unseren Tisch, hob die Arme und rief: »Hopfen und Malz, Gott erhalts, meine lieben Gäste, das bayerische Bier ist ein Volksnahrungsmittel, gesund und wohltuend, für Leib und Seele. Hier sitzen wir in Frieden beisammen und lassen uns von Hamburger Schreckschrauben nicht den Durst verderben.« Während dieser Rede wurde die Wirtin, Frau Pinecker, geholt, eine große stattliche Gestalt, die sich schützend hinter meinen Vater stellte, worauf er eine begeisterte Stimmung entfachte. Meine Mama war zur Schaufensterpuppe erstarrt. Die Freunde am Tisch machten verlegene Gesichter und senkten die Blicke, wenn ich sie ansah. Plötzlich machte die Heilsarmee kehrt und zog zur Straße hinaus. ln der Gaststätte war die Stimmung gestiegen. Ein Freund vom Vater, Herr Schafferd, meinte: >>Die haben sich das falsche Lokal ausgesucht. «Ich bekam einen Lachkrampf wegen der Doppelsinnigkeit der Sache. Mama drängte zum Aufbruch. Ich hörte unterwegs nichts als dauernd das Gerede von der Mama: »Wie konntest du auf den Tisch springen.« Papa schwieg und lachte.

Verschwundener Papa- beschwipste Oma
Privates Telephon gab es in den Zwanziger Jahren kaum. Überall, auch auf den Straßen, war noch Gaslicht. Mama vermutete, daß Papa im Kaffee Fürstenhof hängengeblieben sei und weinte. Oma machte sich mit mir, ich war 12 Jahre alt, auf die Beine, um Vater zu suchen. Es war kalt draußen. Großmama hatte ein Cognacfläschchen bei sich, aus dem sie ab und zu einen Schluck nahm, um sich zu erwärmen oder wenn es ihr schwach wurde, wie sie sagte. Denn sie gehörte noch zur Korsett-Generation! Nach einer Stunde, die Uhr schlug zwei Uhr, rief sie immer noch laut durch die Gassen: »Wilhelm, wo bist du!?« Wir waren am Promenadeplatz angelangt. Dort ist eine Grünanlage; auf Postamenten sind berühmte Männer dargestellt. Oma sah durch ihr Lorguette zu einem hinauf und rief: »Wilhelm, komm sofort herunter!« Das war zu viel für mich; ich mußte wild lachen und bieselte in die Blumen. Ich rief: »Oma, du hast einen Schwips.« Dann zog ich Großmutter nach Hause. Vater schlief schon längst im Bett.

Räterepublik
Zur Zeit der Räterepublik lebten wir in der Münchner Bürkleinstraße. Es waren unruhige Zeiten. Es gab eine Bürgerwehr. Diese Männer waren mit Gewehren bewaffnet und hatten eine weiße Binde um den Arm. Papa übte die Leute im Schießen. Die Schießstätte ist heute noch zu sehen in Großhesselohe nahe der Waldwirtschaft. Vater nahm mich einmal bei einer solchen Übung mit. Das Gewehr war sehr schwer. Es schlug zurück und ich hatte einen »Bausen» am Auge. Im Hinterhaus waren »die Roten«. Zu mir waren sie immer sehr lieb. Ich erinnere mich an einen vom Hinterhaus. Er war ein rauher Mann und trug eine rote Binde um den Arm. Auch er war bewaffnet. Dieser Mann hatte herrliche Stallhasen. Oft durfte ich sie auf den Arm nehmen; sie schnupperten so lieb mit der Nase und waren warm und weich anzufühlen. Tagsüber ertönte öfter der Ruf: »Alle Fenster schließen!« Ab und zu fiel ein Schuß. Wir mußten unter den Schreibtisch krabbeln, wenn geschossen wurde. Es entbehrt nicht der Komik, wenn ich zurückdenke: Unter dem Schreibtisch vor unseren Füßen ein Bärenfeil mit aufgerissenem Maul und roter Zunge. Am Stachus waren Maschinengewehre aufgestellt. Es wurde geschossen. Ich hörte, daß die Machthaber in der Müllerstraße neun Studenten als Geiseln genommen und dann standrechtlich erschossen hatten. Großes Entsetzen unter den Bewohnern. Die Befreiung wurde uns versprochen. Aber die hatten wir angeblich den ungeliebten Preußen zu verdanken.
 
Das junge Fräulein mit 17 Jahren
Das junge Fräulein mit 17 Jahren
 
Ein Gang wie ein Droschkengaul
Als ich 18 Jahre alt war; fand ich mich hübsch. Ich lachte gerne, war rotblond, hatte eine hohe Stirn. Oma sagte: »Du siehst intelligent aus.« Ich glaubte es. Mama sagte, ich hätte 0-Beine, es könnte ein Dackel durchspringen. Ich glaubte es. Darum gewöhnte ich mir einen Gang an, indem ich ein Bein eng vor das andere Bein setzte. Papa meinte dann: »Ein Gang wie ein Droschkengaul.« Das ertrug ich. Einmal klingelte es um ein Uhr nachts bei uns. Oma rannte in den Erker; rief aufgeregt zum Fenster hinaus: »Sind Sie von der Wach- und Schließgesellschaft?« und fuchtelte mit ihrem Revolver in der Luft. Aber von der Straße rief eine Männerstimme: »Depesche für Weidmüller!« Das war ein Bewohner von nebenan, ein berühmter Rennreiter. - Wir lachten die Oma aus. Der Alltag war wieder zurückgekehrt.

Modepuppen
1923 volontierte ich in einem großen eleganten Damengeschäft in der Kaufingerstraße. Es hieß Landauer. Zu Weihnachten durfte ich ein riesengroßes Schaufenster mit Modepuppen ganz allein dekorieren. Ich war sehr stolz. Es war auch anstrengend. Wir durften nicht den Lift benutzen, alles mußte über die Treppen aus dem Keller getragen werden. Herr Landauer ließ mich in sein Büro rufen. Er wünschte mir frohe Weihnacht und überreichte mir ein Kuvert. Es waren 100 Mark darin. Für die damalige Zeit viel Geld! Die Dekorateure waren andere Männer; als ich im Umgang kannte. Sie waren immer rasiert. Sie hatten schicke Jacken an, eine flotte Haarfrisur; alles war etwas keck, aber sie benahmen sich gut mir gegenüber. Mit einem spielte ich sogar Schach. Ich hätte gerne gewußt, wie viel sie verdienen, aber es ergab sich so kein Gespräch.
 
Oma Clara, Mama Anna und Irma, München 1924
Oma Clara, Mama Anna und Irma, München 1924
 
Der erste Mann
Am 19. August 1933 heiratete ich meinen ersten Mann, Wilhelm Schäfer, in jeder Hinsicht Rechtsanwalt. Ich war 25 Jahre alt. Ich war unschuldig. Ich glaube, mein Vater hätte mich erschossen, wenn ich mich anders verhalten hätte. »Bei unserem seltenen Namen kannst du dir solche Sprünge nicht leisten!« - Das waren noch schreckliche Zeiten! Ich sagte zu meinem Mann, daß es mir leid tut, daß ich 0-Beine habe. Wilhelm lachte: »Du hast doch keine O-Beine!« Ich ging zu Mama und empörte mich. Sie: »Wir haben es nur gesagt, damit du nicht zu eitel wirst.« Darauf habe ich beschlossen, daß mir jetzt alles wurscht ist. Jetzt, im Alter von 82 Jahren, sagt mein Freund Paul: »Warum bist du so mißtrauisch?« »Ist es ein Wunder?« Ich malte viel im Dachauer Moos. Freunde stellten mir ein Austraghäuschen beim Birkenhof zur Verfügung. Mein Mann war oft bei mir, denn er hatte wenig zu tun. Alles war arbeitslos. Später, als mein Sohn auf die Weit kam, mußten wir die Milch aufschreiben lassen. Ich höre heute noch: »Frau Doktor, wir schreiben auf.«

Nackte Frauen hinter Großmutters Schleierstoffen
Manchmal mußten wir Leute einladen aus geschäftlichen Gründen. Bei so einer kleinen Gesellschaft war auch der Kunstmaler Betz einmal dabei. Bei dieser Gelegenheit zeigte mein Mann meine Bilder. »Meine Frau malt auch, natürlich dilletantisch.« Diese Bemerkung wurde für mich die Wende meines Lebens. Ich beschloß, auf die Akademie zu gehn. Ich sprach mit meinem Mann nicht darüber. Ich wußte, daß er im Grunde an mich glaubte. Wir waren bitterarm. Wir konnten uns keine Seife leisten. Die Miete zahlten meine Eitern, und meine Schwiegermutter aus Pirmasens schickte Freßpakete. Da fiel mir etwas ein: Ich malte nackte Frauen und überzog sie mit bunten Schleierstoffen, die ich von meiner Oma hatte. Ich ging zu dem feinsten Seidengeschäft Cohn an der Frauenkirche und bot dort diese Arbeiten als Modeeinlageblätter an. Herr Cohn war begeistert. Ich sagte zu Herrn Cohn laut und überzeugt: »53 Mark«. Herr Cohn fixierte mich überrascht einen Moment. Ich sagte mit fester Stimme: »Anders gehts nicht.« Und er zahlte. Es war die Summe, die ich für die Aufnahmeprüfung benötigte.

 
Mit dem Onkel in Heidelberg, 1932
Mit dem Onkel in Heidelberg, 1932
 
An der Akademie
1934 belegte ich bei Professor Jank Tiermalerei. Es war eine sehr langweilige Zeit für mich. Ich mußte ein Semester an einem Pferdekopf zeichnen. Jank sagte stets: »Machen Sie weiter.« Ich wechselte zu Professor Julius Heß in die Klasse. Er hatte eine lockere aquarellierende Öltechnik. Ich fragte ihn ahnungslos, warum er kein Bild fertig malt! Er war empört, statt es mir zu erklären. Es herrschte eine große Ergebenheit von den Schülern dem Professor gegenüber. Er hatte eine interessante Kompositionslehre, die für mich sehr anregend war. Aber die Begeisterung meiner Mitschüler, das Violett in Gelb von van Gogh nachzuprobieren, teilte ich nicht. Von der Farblehre im Dörner-lnstitut lernte ich viel. Der Kontakt mit anderen Künstlern war für mich ein großes Glück und hat viel zu meiner Entwicklung geholfen.

Im Krieg
Der Krieg veränderte alles. Mein Mann wurde eingezogen, und ich mußte zum Kriegsdienst mit meinem Sohn nach Breitbrunn am Chiemsee. Die Bauern brauchten nötig Arbeitskräfte. Ich wurde an einen Hof gewiesen. Da waren drei Söhne im Feld. Der alte, taube Bauer; die bettlägerige, alte Bäuerin, eine Magd, die Anni, und ein französischer Gefangener: Ich war für den Haushalt eingesetzt. Von in der Früh 5 Uhr; bis nachts um I0 Uhr: Mein Sohn war mittlerweile sechs Jahre alt und kam auf die Bauern-Schule. Ich konnte mich nicht viel um ihn kümmern. Sehr in Erinnerung ist mir sein Ausruf, wie eine Kuh kalbte: »Hast du mich vielleicht auch so ausi'gschissn?« Meine Bauern hatten einen eigenen Stier; aber wir durften nur den Dorfstier benutzen. Es war Hitlerzeit. Uns wurde auch kein Nasenring für unsernStier zugebilligt. Wenn er sich losriß, tobte er im Stall rum und ich mußte ihn mit einer Mistgabel aufs Hirn hauen, bis er wieder an seinem Platz war: Der gefangene Franzose arbeitete oft nicht. Er saß im Klo, im Stall und las ein Buch. Am Klo war ein ausgesägtes Loch in Herzform. Mit guten Reden ging der Franzose nicht an die Arbeit. Ich mußte mit einem Stock in das Loch hineinstoßen, dann kam er erst heraus. Mein Sohn bekam eines Tages Mittelohrentzündung. Ich packte ihn auf meinen Rücken, lief in der Früh 5 Uhr nach Rimsting und fuhr nach München, wo er in der Klinik operiert wurde. Am nächsten Tag war eine Bombe in das Krankenhaus gefallen. Die Patienten waren in den Keller verlegt. Ich ging nicht zurück an den Chiemsee. Ich kam in Löschenbrand/Landshut unter; arbeitete von 7 Uhr früh bis 5 Uhr abends auf dem Felde in einer Gärtnerei. Neben meiner Einquartierung gruben wir einen Luftschutzgraben, weil kein Luftschutzkeller da war: Es arbeiteten auch Ukrainerinnen in der Landwirtschaft. Bei einem Angriff wollten sie in den Luftschutzkeller eines Bauern. Als der Angriff vorbei war; saßen die Frauen, wie lebend, tot vor dem Haus. Die Luftmine hatte ihr Inneres zerrissen. Wahrscheinlich hatten die Bauern sie nicht ins Haus gelassen. Mutter kam in Löschenbrand übers Feld. Alles war abgesperrt, sie wollten sie nicht durchlassen. Einer rief: »Laßt sie durch, auf eine kommts nicht mehr an!« Haustiefe Löcher hatte die Luftmine aufgewühlt. Ganze Heerzüge von Soldaten, riesige Geschütze, getarnt mit Tannen, zogen an uns vorbei. Ich stand mit meinem kleinen Sohn, einem Leiterwagen, einem Blechofen, Ofenrohr und Rucksack und sah dem traurigen Rückzug unserer Armee zu. Da kam ein SS-Offizier auf mich zu: »Wollen Sie mit ins Gebirge?« Er hob mich auf das riesige Kanonenrohr; meinen Bub voran und den Leiterwagen dazu, breitete eine Decke über uns. Das Kanonenrohr war so breit, daß ich nicht in Grätsche sitzen konnte. Ich hielt mein Kind. Ich lag halb auf der Brust und klammerte meine Arme an die Kanone. Es war dämmrig. Fackelhell brannten Lastautos ganz nahe neben uns aus. ln der Dunkelheit fuhren wir so dahin. Bei Tag rasteten wir im Wald, damit uns die Tieffl ieger nicht sehen konnten. Auf der Kanone war ich eingeschlafen. Ein Wunder; daß wir nicht heruntergefallen waren. Bei Schliersee setzten sie uns ab. Ich fuhr den Tag auf dem Weg nach Valepp/Schliersee. Die Baracken von deutschen Soldaten waren geräumt, Lebensmittellagen rum. Ich versteckte meinen Leiterwagen und Ofen in dem Chaos und stieg mit meinem Sohn den Berg hinauf. Schüsse ballerten, die Franzosen kämpfen noch mit den Deutschen, hieß es. Wenn so ein Blitz über uns fuhr; warfen wir uns auf den Boden. Endlich erreichten wir eine Hütte. Hier waren deutsche Soldaten. Sie kochten gerade ein Pferd in einem riesigen Behälter: Wir bekamen auch Suppe und ein Stück Pferdefleisch. Dann legten wir uns in ein Eckchen und schl iefen ein. Am nächsten Morgen war es sehr still. Dann hieß es, der Krieg sei aus, die Amerikaner kommen.
 
Isartalbahnhof
Isartalbahnhof, das Bild wurde in der Ausstellung 1938
vom Gauleiter Wagner als "zu düster" abgelehnt
 
Kriegsende
Langsam gingen mein Sohn und ich bergab. Unten im Tal hingen an den Bäumen erhängte deutsche Soldaten. Sie sollen Deserteure gewesen sein. Ich bin auch heute noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen, was uns alles begegnet ist. Mein Sohn hatte sich ein Pferd eingefangen und das Tier an einen Heuwagen gespannt. Es ging mit uns vier Tage lang zu Fuß, bis wir am anderen Isarufer von Großhesselohe standen. Wilhelmchen, mein Sohn, mußte von dem Pferd Abschied nehmen. Es war ein sehr großes gutes Tier: Die Großhesseloher Brücke war zerstört. Deshalb rutschten wir auf einer Eisenschiene über die Brücke. Mich erfaßte der Schwindel. Ohne die Hilfe meines kleinen Sohnes wäre ich in die Tiefe gestürzt. An unserm Haus angelangt, wurden wir mit Schrecken empfangen. »Wir haben nur drei Kartoffeln, geht wieder!« Wir schliefen und tranken Wasser, aber meine Schwägerin teilte dann doch die Kartoffeln mit uns. Ich ging dann zum Stehlen des nachts an einen Bauernhof in Pullach. Gott war uns gnädig, daß wir dem Pferd die Freiheit gegeben hatten. Es wär sonst geschlachtet worden.
 
Raucherin 1949
Selbstbildnis/Die Raucherin, 1949
 
Es spukt im Hause Hünerfauth
Ich begegnete am Chiernsee dem Maler, Pendler und Spiritisten Wihnay und erzählte ihm, daß es bei uns im Hause spukt und jedes Jahr am 6. und 7. Märzen. Wir sagen, die tote Großmutter »rumort«. Zum Beispiel: ein schweres, eichenes Büffet rückt fünfZentimetervon der Wand. Es fällt ein Bild von der Wand, und einmal ächzte das Dach derart, daß Vater in den Garten rannte, weil er glaubte, unser Dach käme runter: Wihnay widersprach ernsthaft, der Spuk käme nicht von der toten Großmutter, sondern von einer Person im Hause! Bei Tisch erzählte ich die Äußerung von Herrn Wihnay. Da erhebt empört meine Mutter ihre Stimme: »Die Oma hat 45 Jahre bei uns im Haus gelebt, ihren ganzen Schmuck hat sie meiner Schwester Cläre vermacht. Die Cläre hat zwei Söhne- und ich mit meiner Tochter bin leer ausgegangen.« Wir waren sprachlos. Es wurde nie über Omas Schmuck bei uns gesprochen! Da sagte Papa: »Liebe Frau, du weißt doch, daß die Familie von Clärchen über ihre Verhältnisse lebte und das Sorgenkind deiner Mutter war, da hat sie halt Cläre den Schmuck geschenkt. Versuch ', deine Mutter zu verstehen und sei ein bißchen großzügiger:« Herr Wihnay hatte recht. Es spukte seitdem nicht mehr in unserm Haus. Mama wurde einhunderteinhalb Jahre alt, bei mir im Haus.
 
Franz Führer-Wolkenstein
Franz Führer-Wolkenstein
 
Meine drei Männer
Am 24. Juni 1939 heiratete ich meinen zweiten Mann; doch
da die Ehe ein Irrtum war, reichte ich sehr bald die Scheidung ein. Der Mann war mir zu dekadent. Viele Jahre später, am 20. November 1948, ehelichte ich meinen letzten Mann, Dipl.-lng. Dr. Franz Führer-Wolkenstein. Wir waren 28 Jahre glücklich. Es war nicht mein Verdienst. Es war sein kluges überlegenes Wesen! Er sagte stets, wenn ein Streit ausbrechen wollte: »Wir diskutieren morgen weiter.« Am nächsten Tag hatte er recht! Am 25. November 197 6 starb mein geliebter Mann. Am Abend vor seinem Tod sagte er zu mir: »lrmachen, ichmöchte dir noch sagen, ich habe mich mit dir keinen Moment gelangweilt.« Und ich antwortete: »Wir werden uns nie verlieren, wir werden in der geistigen Weit zusammenbleiben.« Und mein Franzele antwortete: »Wenn du es glaubst, will ich es auch glauben.« Wie er das zu mir gesagt hat, plumpste ein dicker Stein von meinem Herzen, etwa zwetschgengroß, es ist mein voller Ernst! Er fiel von meinem Herzensbaum herunter. Er löste sich und fiel -nicht symbolisch, er fiel, und mir wurde ganz leicht in der Brust. Ich war mir nie ganz sicher, ob ich ihn glücklich genug gemacht habe. Am nächsten Tag des abends starb mein lieber Mann. Ich sang ein helles Lied an seinem Totenbett, heller, schöner, zarter, als ich es je in der Kunst fertiggebracht habe. Ich hoffte, daß noch ein Hauch meiner Liebe ihn erreichen konnte.

Das Schrott-Grab.
Franz Führer-Wolkenstein
im Friedhof Pullach, in dem Wald, den er so sehr liebte.
 
Schrott-Grab in Pullach
Schrott-Grab in Pullach
 
Ich und meine Kunst
Über meine Kunst kann ich nicht viel erzählen. Ich lernte mit der Zeit die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten kennen. Es besteht leicht die Gefahr, das zu tun, von dem man begeistert ist. Das ist aber der falsche Weg. Ich war oft am Rande der Verzweiflung. Mein Mann Führer-Wolkenstein ermunterte mich, zur geistigen Auseinandersetzung und Selbstfindung zu dem Maler Conrad Westphal in die Schule zu gehen. Es war mir nur ein halbes Jahr bei ihm vergönnt, denn Frau Westphal behauptete, ich überanstrenge ihren Mann. Mein Lehrer unterrichtete mich, nichts zu wollen, sondern nur zu sein. Das war ein schwerer Weg. Das Schwierigste war für mich, ohne Thema zu ar beiten, Dekoration war die größte Gefahr. Es war das platte Nichts. Die Oberflächlichkeit! So stand ich vor der weißen Leinwand, der viereckigen. Sie war ein Spielfeld aller Möglichkeiten, die Verführung in Person. Die Berührung der weißen Fläche selbst, nur mit einem Punkt, war der Beginn eines Abenteuers. Es dauerte lange, bis ich ganz still wurde. Ich nenne es »bis ich das Nichts ins Sein fand«. Ich stand oft am Abgrund. »Atmen«, sagte oft leise der Lehrer. Oder ein andermal: »Nicht korrigieren, nehmen Sie Ihre Häßlichkeit an! Die Zeichen, die sich am häufigsten wiederholen, das sind ihre Elemente, die müssen Sie annehmen. Auch Häßlichkeiten!«, so mein Lehrer. Und so kam ich langsam zu einer Gestaltung, zu einer
eigenwilligen Aussage!
 
Düsternis, 1958
Mein Bild, "Düsternis", 1958
 
Der Neid, der Messerstich
Die Bundes-Gedok veranstaltete in Paris eine Frauen-Biennale, eine Ausstellung im Musee d:A.rt Moderne. Mein Bild »Düsternis« bekam 1959 einen Preis. Frau Bödefeld, die Vorsitzende der Gedok-München, teilte es mir telephonisch mit und bat mich zu kommen, damit ich die Medaille selbst in Empfang nehmen konnte. Ich freute mich sehr und kam mit dem Flugzeug zum Empfang ins Rathaus von Paris. Von dem, was sich hinter meinem Rücken abspielte, hatte ich keine Ahnung. Zwei Künstlerinnen, Lentz und Strauss, zeigten ihr Mißfallen, daß ich den Preis bekommen hatte, so deutlich, daß es in der internationalen Gesellschaft (es waren zwölf Länder vertreten) allgemein aufgefallen ist. Nur mir fiel nichts auf. Mein Bild wurde dann mit einem großen Messer durchstochen. Es war für DM 2000,- versichert . Eine hohe Summe für 1959. Ich brachte es zu Dr. Wolters ins Doener-lnstitut München. Ich bat, daß es geflickt werde. ,, Flicken!«, rief Wolters, »Sie sind doch kein Picasso! Geklebt wird's!« Frau Bödefeld trat später wegen dieser Attacke aus der Gedok aus. 1966, also sechs Jahre später, bekam ich nochmals eine »Medaille de bronce de Ia ville de Paris«.
 
Musée d'art moderne de la Ville de Paris
Musée d'art moderne de la Ville de Paris
 
Das zweite Gesicht - der Tod von Franz Roh
Am 30. Dezember 1963 um I0 Uhr früh erschien mir Dr. Franz Roh. Sein Kopf füllte übergroß mein ganzes Zimmer aus. Ich stand sozusagen in seinem Kopf. Ich rannte runter zu meinem Mann und rief: »Komm rauf, Franz Roh sein Kopf ist riesengroß in unserem Zimmer!« Mein Mann sah nichts, aber ich sah »Ihn« wieder. Was solls? Ich war bedrückt. Mein Mann meinte: »Vielleicht ist was los. Ruf bei Frau Pietsch an.« Frau Pietsch berichtete uns, daß Dr: Roh im Krankenhaus des Dritten Ordens liege. »Fahr hin!«, meinte mein Mann. Ich ging ungern, am nächsten Tag war mein Geburtstag, es mußte manches vorbereitet werden. Aber ich fuhr hin. ln der Vorhalle saß Frau Dr: Roh. Sie war sehr erstaunt über meinen Besuch und sagte, daß ihr Mann noch schlafe. Wir unterhielten uns über den Maler Nay. Es kamen zwei jüngere Ärzte und wollten Franz Roh eine Spritze geben. Sie aber wollte noch etwas damit warten. Wir diskutierten weiter: Dann meinte ich, daß wir ins Krankenzimmer hineingehen sollten. Juliane Roh ging und ließ die Türe offen. Ich folgte abwartend an die Türe. Frau Roh schrie furchtbar auf. Ich ging ins Zimmer: Franz Roh war tot. Sein Oberkörper war etwas vorgebeugt, seine Augen waren weit geöffnet, schöne blaue Augen, die hochinteressiert etwas wahrnahmen- dieser Ausdruck! Sein Tod muß ein »Sekundentod« gewesen sein. Ich kannte ihn nur mit einer Brille mit dicken Gläsern. Nun sah ich seine langen Wimpern wie bei einer Frau, ein schönes Antlitz. Frau Roh nahm in wilder Verzweiflung von ihrem Mann Abschied. Ich war wochenlang schwer betroffen von dem Erlebten. Dann entstand meine Roh-Mappe in Gedenken an den großen Menschen, Freund und Gönner; den ich verloren hatte. Er hat ein kleines Grab am Ostfriedhof in München.
 
Mit Dieter Stöver, 1969
Mit Dieter Stöver, 1969
 
Neue Töne im Herbstsalon
1968 machte ich den ersten Versuch, Musik mit bildender Kunst zu koppeln. Der Herbstsalon stellte für Ausstellungszwecke der Gruppe »K« einen Saal zur Verfügung. Unsere Grupppe »K« organisierte einen Konzertflügel. Es mußten noch die Widerstände bei der Leitung im Haus der Kunst München überwunden werden, denn Konzert während einer Ausstellung war ungewöhnlich. llja Bergh spielte inmitten unserer Objekte und Bilder auf dem Flügel seine »optisch-akustische Collage«. Mundpropaganda half den Saal füllen, die Jugend kam, und der Abend mußte dreimal wiederholt werden. Ich war sehr glücklich. Die Gruppe »K« trug gemeinsam die finanziellen Opfer; wie Flügel-Transport, Saaldiener; Licht u.s.w. 1972 waren die ersten »Sprechenden Kästen« fertig. Eine mühsame Zeit von technischer Entwicklung war vorausgegangen. Zuerst waren die Vibrationsobjekte 1970-1971 entstanden. Spielkästen, eine schwere, mit Stahlfedern unterbaute Platte wird durch Stoßen zum Schwingen gebracht. Dieser Rhythmus überträgt sich auf die poetisch angeordneten Drähte im lnnern des Kastens. Erst nach 197 6 setzte ich meine »Vibrationsobjekte« durch Klangverstärker in Ton um.
 
Ausstellung im Kunstverein 1977
Ausstellung im Kunstverein 1977,
Hünerfauth und Wolkenstein vor den sprechenden Kästen
 
Zwischen Kunsthistorikerinnenwird die Künstlerin zerrieben
ln der Galerie Neuhaus in München stieg eine wilde Ausstellung meiner ersten Schrott-Objekte; viele sind grün und rot gespritzt. Juliane Roh, die die Ausstellung eröffnete, ahnte die Stimmung. Auf der roten Einladungskarte vor mir steht: »Es darf daran gerüttelt werden, daß an der Qualität nichts zu rütteln ist, erklärtjuliane Roh.« Da zeigte Doris Schmidt von der Süddeutschen Zeitung, was sie kann: Viele Zeilen lang rüttelt sie an der Qualität: »Verklemmt und verhemmt«, so geht das Unwetter los. Juliane Roh weinte am Telephon über die Kritik von Doris Schmidt. Ich bekam Drohpostkarten ohne Unterschrift mit Texten wie: »Das freut uns, endlich hast du mal eins aufs Dach bekommen« oder »dummes Luder!«, da merkte ich, daß was im Gange war. Die »zwei Meter hohe Plastik mit Gasmaske aus unveränderten Maschinenteilen« ist die 1971 in den Zeitungen als »Occammensch« abgebildete Plastik. 1990 wurde sie am Gasteig ausgestellt und als Plakat gedruckt. Geliebt und geschätzt als STATT LUFT STADTLUFT
 
Das Alter 1982
Das Alter, Zeichnung 1982
 
Mutter auf dem Weg zur Urmutter ( 1881-1981)
Am 21 . Oktober 1981 starb meine liebe Mutter Anna Hünerfauth in geistiger Frische. Sie las noch Ricarda Huch. Sie starb bei mir im Hause. Sie brauchte in kein Altersheim abgeschoben zu werden. Mit leuchtenden Augen sagte sie ein paar Minuten vor ihrem Tod: »Mein liebes lrmachen, mein liebes Kind!« Sie war eine liebe gütige Frau.
 
Urmutter 1981
Mutter auf dem Weg zur Urmutter, 1981

 
Quellenangabe: Irma Hünerfauth. IRMAnipulations mit Beiträgen von Irma Hünerfauth, Peter Lufft und Christoph Weidemann. Verlag Antje Kunstmann, München, 1990.
 


 
Hommage an eine bedeutende deutsche Künstlerin in der Nachkriegszeit, welche gegen den traditionellen akademischen Kunstbetrieb rebellierte, in den 1950er Jahren unter Conrad Westphal (1891-1976) zur Abstraktion fand und sich expressiv auf großformatigen Leinwänden verwirklichte, dann 1962 einen Schweißerlehrgang absolvierte, massiv in die gemeinhin männliche Domäne der Schrottplastik einbrach und mit aus Schrott gestalteten skurrilen Skulpturen und kinetischen Objekten, wie auch Jean Tinguely, die Konsumgesellschaft verspottete.
 
Aktuelle Ausstellungen:
12. April - 28. Juli 2019. Schinkel Pavillon, Berlin: Gruppenausstellung "Straying from the Line" mit Irma Hünerfauth... Link zur Ausstellung >>

Seit 20. März 2018. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, "I'm a Believer. Pop Art and Contemporary Art" mit Werken von Rupprecht Geiger, Günter Fruhtrunk und Irma Hünerfauth... Link zur Ausstellung >>
 
 
Stadtluft
 
 
"STATT LUFT - STADTLUFT"
 
Die Künstlerin machte bereits im Jahr 1971 mit der beeindruckenden über zwei Meter großen Plastik mit Gasmaske und geöffneten Lungenflügeln auf die Luftverschmutzung, bzw. Kohlendioxid-Belastung in Großstädten aufmerksam. Das Thema ist heute aktueller denn je zuvor.
 
 
...mit diesen Objekten reiht sie sich in die in Frankreich den Nouveaux Réalistes zuzurechnenden Künstler ein, zu denen Niki de Saint-Phalle, Jean Tinguely, Arman, aber auch Daniel Spoerri zu zählen sind...

Vgl. Partsch, S.: Hünerfauth. In: Allgemeines Künstlerlexikon, Bd. 75, De Gruyter Saur, Berlin, 2012-2013.
 
 
Rückblick und Erinnerung an eine beachtenswerte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene deutsche Künstlerin, während vergleichbar arbeitende Künstlerinnen aus dieser Epoche innerhalb der letzten Jahre mit Einzel-und in Gruppenausstellungen in den USA bereits große Erfolge feiern konnten.
 
 
 
Goethe Institut London
 
 
 
Der Begriff "IRMAnipulations" wurde 1983 anlässlich einer Ausstellung im Londoner Goethe-Institut geprägt und seither von der Künstlerin als eine Art Markenzeichen beibehalten.
Vgl. IRMAnipulations, Verlag Antje Kunstmann, München, 1984.
 
 
Irma Hünerfauth sucht den erfinderischen Impuls in ein Gleichgewicht überzuführen, das meditativen Charakter hat. Die Härte der Setzung und die Sanftheit des Gesamten gewinnen die Spielkarft eines Dialoges. Der Dialog bewegt und facettiert die Fläche, die von einer Art Traum unterwandert scheint.

Conrad Westpfahl (1891-1976)

 
Abstrakter Expressionismus und Action Painting von Irma Hünerfauth aus den 1950-und 60er Jahre in München, den Arbeiten von Jackson Pollock, Grace Hartigan oder Joan Mitchell sehr verwandt.

Die Malerei von Irma Hünerfauth ist nicht ausschließlich dem Informel zuzuordnen. Das graphische Element, die Zeichnung ist nicht nur in ihren Papierarbeiten, sondern auch den großformatigen Gemälden immer besonders stark ausgeprägt. Lineamente, Farbklänge und Flächenspannungen bestimmen die Kompostionen in die auch leere Felder einbezogen werden und die sie später durch Collagen und Applikationen zu Combine Painting steigerte. Die bekannten Kunstkritiker Peter Lufft (1911-1997) und Franz Roh (1890-1965) urteilten, dass sie sich stilistisch nicht einseitig für einen malerischen Tachismus noch für einen graphisch linearen Konstruktivismus entschieden habe, sondern zwischen den Lagern stand. Ihr Malstil sei eine „höchst individuelle Kreuzung von Ruhe und Bewegung im Bild“.
 
 
 
AbEx
 
Ohne Titel, 1964. Dispersion a./Lwd., 132 x 162,5 cm. Rechts unten signiert. Original Atelierrahmen.
 
 
Abstrakter Expressionismus
 
Ohne Titel, 1963. Farbige Tuschezeichnung a./Papier, 35 x 51,5 cm. Rechts unten signiert und datiert.
 
 
…In Irma Hünerfauth vermuten wir augenblicklich eine der eigen wüchsigsten Malerinnen Deutschlands. Sie wurde von der "Gesellschaft der Freunde junger Kunst" in München 1958 zum ersten Mal herausgestellt…

Franz Roh (1890-1965)

 
…Zu meinen Bildern möchte ich sagen: steigen sie in das Bild ein, indem sie das Bild mit den Augen abtasten, die Linien werden sie führen. Ich wünsche dem Beschauer, dass es ihm im Dialog mit dem Kunstwerk gelingt, aus sich herauszutreten, zu einer neuen Selbstfindung in einer anderen Bewußstseinssphäre…

Irma Hünerfauth, 1.1.1960
 
 
 
The Time is Now !
 
 
 
1968/69 wendet sich die Künstlerin gänzlich von der Malerei ab und beginnt, neben ihren plastischen Arbeiten, erste Experimente ihre Kunst mit Musik, Tönen und Sprache zu verbinden. Hünerfauth konstruierte kinetische Vibrationsobjekte und ihre mit Industrieschrott bestückten unverwechselbaren "sprechenden Kästen", später entstehen dann die großen Metall-Collagen sog. Tafelbilder und dann die mit Fundstücken ausgeschmückten kleineren Künstlergebetsbücher. Insgesamt eine sehr beeindruckende künstlerische Entwicklung, die wir so von anderen Künstlern dieser Epoche nicht kennen.
 
 
 
Blaue Pistole
 
Blaue Pistole, 1973. Sprechender Kasten, 39 x 41 x 21 cm. Rückwand: Offsetdruck. Handbedienung. Endlostonband mit Ton von Irma Hünerfauth. Text: Meta Kristall. Foto: Hans-Wulf Kunze, Magdeburg.
 
 
Die 1907 in Donaueschingen geborene und später in München tätig gewesene Künstlerin Irma Hünerfauth zählt auch zu den Künstlern der sog. "verschollenen Generation". Eine aufgrund der historischen Konstellation des frühen 20. Jahrhunderts zu Unrecht in Vergessenheit geratene Generation von Künstlern.

Vgl. Ingrid von der Dollen, Malerinnen im 20. Jahrhundert, Bildkunst der "verschollenen Generation", Hirmer Verlag, München, 2000.
 

…"Ich bin Künstlerin geworden, weil ich für nichts anderes tauge"…

Irma Hünerfauth, 1984

 
Und das war sicher kein leichtes Unterfangen für eine junge Frau, die sich im Nachkriegsdeutschland der 1950-und 60er Jahre mit radikalen zeitgenössischen Tendenzen auseinandersetzte, teils exzessiv mit abstrakter Malerei experimentierte und sich zu dieser Zeit mit Readymades und Schrottplastiken beschäftigte.
 

Hünerfauths gesamtes Schaffen umfasst nur ein relativ kleines Œuvre und noch vor wenigen Jahren standen zum Werk der Künstlerin kaum Informationen zur Verfügung. Alle bisherigen Veröffentlichungen, auch die zitierte Referenzliteratur sowie die wichtige 1984 zur Einzelausstellung in München erschienene Monographie zu ihren Arbeiten, sind vergriffen, wurden nicht nachgedruckt und sind auch antiquarisch nur noch selten zu finden. Selbst der aktuelle Eintrag ihrer Biographie im Allgemeinen Künstlerlexikon (Bd. 75, De Gruyter Saur, Berlin, 2012-2013) ist nicht jedem zugänglich, da die verhältnismäßig teueren Bände nur in den größeren öffentlichen Bibliotheken zur Einsicht verfügbar sind.

Die Künstlerin beteiligte sich zwischen 1946 - 1998 erfolgreich an zahlreichen Kunstausstellungen und verkaufte ihre Werke zu Lebzeiten zu sehr respektablen Summen, siehe nachfolgende Preisliste. Die Verkäufe erfolgten jedoch zumeist an öffentliche Sammlungen und nur wenige ihrer Werke gingen in Privatbesitz über. Daher sind ihre Arbeiten auf dem sog. sekundären Kunst-und Auktionsmarkt heute nur selten zu finden und deutlich unterbewertet. Ein Werkverzeichnis und eine Retrospektiv-Ausstellung ihres Werkes mit kritischer Neubewertung steht bis heute noch aus.


Preisliste


Weitere beachtenswerte Künstlerinnen dieser spannenden Kunstepoche, welche in den letzten Jahren deutlich aufgewertet wurden, u.a:

Hannelore Baron (1926-1987), Mary Bauermeister (b.1934), Lynda Benglis (b. 1941), Lee Bontecou (b.1931), Louise Bourgeois (1911-2010), Feliza Bursztyn (1933-1982), Rosemarie Castoro (1939-2015), Barbara Chase-Riboud (b. 1939), Jay DeFeo (1929-1989), Dorothy Dehner (1901-1994), Claire Falkenstein (1908-1997), Helen Frankenthaler (1928-2011), Gertrud Goldschmidt (1912-1994), Elsa Gramcko (1925-1994), Gertrude Greene (1904-1956), Nancy Grossman (b.1940), Grace Hartigan (1922-2008), Eva Hesse (1936-1970), Lee Krasner (1908-1984), Alice Trumbull Mason (1904-1971), Joan Mitchell (1925-1992), Louise Nevelson (1900-1988), Pat Passlof (1928-2011), Beverly Pepper (b. 1922), Betye Saar (b.1926), Carolee Schneemann (1939-2019), Janet Sobel (1894-1968), Nancy Spero (1927-2009), Hedda Sterne (1910-2011), Dorothea Tanning (1910-2012).

Obwohl aktuelle Marktanalysen weiterhin von einer Diskriminierung gegenüber Künstlerinnen sprechen und mit Zahlen aus den Jahren 2000-2017 belegen, dass weibliche Künstler noch immer unterbewertet und auch bis heute seltener im sekundären Kunstmarkt etabliert sind (Quelle: https://news.artnet.com/market/art-market-study-1179317), zeigt der Kunstmarkt in den USA gegenwärtig eine deutliche Trendwende mit dem Fokus auf Wiederentdeckung, Aufarbeitung und Neubewertung von übersehenen und unterbewerteten Frauen in der Kunst nach 1960.

Künstlerinnen im Trend. Wie haben Frauen die Nachkriegskunst geprägt? Das Museum of Modern Art in New York zeigt es mit Werken von Joan Mitchell, Lygia Clark und weiteren Künstlerinnen aus der Sammlung. So viele Künstlerinnen wie noch nie werden momentan mit Einzelausstellungen gewürdigt. Gruppenshows rühmen sich damit, dass sie ausschließlich Frauen zeigen. Man mag diesen Trend als positive Diskriminierung betrachten… Vgl. Weltkunst, Ausgabe Juli 2017

Besonders interessant in diesem Kontext:

The Time Is Now - Women artists at
Michael Rosenfeld Gallery, New York, June 17 – August 4, 2017

Radical Women: Latin American Art, 1960–1985
The Hammer Museum, Los Angeles, September 15- December 31, 2017

 
Für weiterführende Informationen zum Werk der Künstlerin verweisen wir auch auf den Wikipedia-Artikel von Dr. Stephan Pastenaci, Berlin.
 
 
Nachlass-Stempel
 

Wir betreuen und dokumentieren den künstlerischen Nachlass mit zahlreicher Korrespondenz, Bestands-und Ausstellungslisten sowie umfangreichen Fotomaterial zum Werk der Künstlerin. Die Bildrechte zu allen auf dieser Website veröffentlichten Arbeiten wurden uns übertragen.

Ein Werkverzeichnis ist in Vorbereitung. Werke die auf dieser Webseite oder in der Monographie abgebildet sind, werden in das Werkverzeichnis aufgenommen. Fotos von Arbeiten mit ungeklärten Bildrechten können derzeit noch nicht veröffentlicht werden.

Die heutigen Besitzverhältnisse und die derzeitigen Standorte aller Werke sind noch nicht komplett geklärt. Hierzu sind wir bemüht die Provenienz sowie den aktuellen Standort der einzelnen Werke möglichst lückenlos nachzuweisen und bitten Besitzer von Werken sowie jeden mit relevanten Informationen um Kontaktaufnahme unter: wvz@irmanipulations.de

Alle Angaben werden von uns selbstverständlich diskret behandelt.

Diese Webseiten geben somit vorerst nur einen kleinen Einblick in das interessante und spannend vielschichtige Werk der Künstlerin. Die Seiten werden von uns sukzessive mit weiteren in unserem Archiv dokumentierten Arbeiten aus privaten und öffentlichen Sammlungen ergänzt. Nach kompletter Katalogisierung erhalten diese Werknummern, später eine chronologische Anordnung und ein übersichtliches Seitenregister.

Eine lohnenswerte Entdeckung für alle, die sich mit "Kunst nach 1945" beschäftigen sowie deren Weiterentwicklung, die nach verkannten Künstlern und unverbrauchter Kunst suchen. Eine kurzweilige Reise zurück, zur "Revolution ohne Programm", den starken künstlerischen Impulsen der 1960er Jahre und radikalen realistischen Ausdrucksformen, eine "Beseelung des Objekts", wie Pierre Restany es konstatierte.

Hinter dem Begriff "IRMAnipulations" steht eine beachtenswerte provozierende Künstlerin dieser Zeit, welche den Künstlern des Nouveau Réalisme mit ihren Arbeiten keineswegs nachsteht und im Gesamtwerk ein breites künstlerisches Spektrum an ernsthaften und sensibel zeitkritisch verarbeiteten Aussagen vorzuweisen hat.

Mit unserem Newsletter informieren wir Sie gerne über den Verlauf.

 
 
 
 
 
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